Komm mit mir ins magische Mashatu Game Reserve in Botswana…

Während meiner Ausbildung zum Safari Guide im südlichen Afrika hatte ich das Glück, einen magischen Ort für vier Wochen mein zu Hause zu nennen: Das Mashatu Game Reserve im Osten von Botswana. So sieht ein wilder Tag im „Land der Riesen“ aus…

 

Der Tag beginnt…

…und die Sonne hebt sich langsam über die Weite des Landes. Sie malt gold und gelb, was vor so vielen Jahrtausenden geschaffen wurde und seitdem wie unverändert daliegt. Morgentau liegt noch auf den Blättern und die Luft ist so klar wie meine Gedanken. Während die Sonne aufgeht, habe ich noch ein wenig Gelegenheit, mich im Camp umzuschauen. Es liegt am Motloutse-Fluss. Er führt um diese Jahreszeit kein Wasser und eine brache Sandlandschaft zieht sich schlangenhaft durch das Reservat.

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Der Motloutse spielte eine entscheidende Rolle in der Geschichte Botswanas: Nur ein wenig flussaufwärts von hier wurden die ersten Diamanten gefunden, die daraufhin zum Wohlstand des Landes führten.

Das Ufer säumen Galeriewälder, unter deren Ästen auf unserer Flussseite an die zwanzig Zelte aufgestellt sind. Das Badezimmer ist outdoor, die Toiletten sind mit einfacher Zeltplane voneinander getrennt – große Geschäfte erledigt hier gewiss keiner gern. In einer kleinen Hütte befindet sich die Küche. Zwei botswanische Damen bereiten hier unsere Mahlzeiten zu.

Kleine Pfade führen zu den Zelten; auf Stelzen gebaut liegt das Study Deck, wo der tägliche Unterricht stattfindet und auch alle Mahlzeiten eingenommen werden. Am Flussufer wurde eine gemütliche Feuerstelle errichtet, von der aus man durch die Zweige in den Himmel schauen kann.

Photo Credit: Megan Berger_MG_4207

Mashatu grenzt an drei Flüsse: den Shashe, den Motloutse und den Limpopo.

Sie bieten die perfekten Bedingungen für die großen Mashatu-Bäume, nach denen das Reservat benannt ist. Trotz der drei Flüsse kann die Gegend hier aber sehr trocken werden. Mashatu liegt im sogenannten Tuli-Block. „Tuli“ ist das Tswana-Wort für „Staub“. Denn im Winter liegt oft so viel Staub in der Luft, dass der Himmel zum Sonnenuntergang aussieht, als stünde er in Flammen.

„Das Land der Riesen“, wie Mashatu auch genannt wird, rührt von den riesigen Affenbrot-Bäumen und den Elefanten, die zuhauf auf diesem Stück Land zu finden sind.

Vom Camp unternehmen wir tägliche Bush-Walks, zu Fuß durch die afrikanische Wildnis. Mit wachen Sinnen und freiem Kopf marschieren wir heute die East-West-Ridge hinauf – einen Hügelkamm, der sich einmal quer durchs Reservat zieht. Von dort oben blicken wir auf eine satt grüne Flussaue; eine Herde Elefanten badet in einem Wasserloch, Impalas grasen auf weiter Flur; ich höre ein Zebra in der Ferne – ein Wiehern, das eher an das Quieken eines Schweines erinnert. Und schon sind alle Gedanken an Zukunft und Vergangenheit, an Pläne und Sorgen vergessen.

Alles, was zählt ist dieser Moment.

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Elefanten zum Greifen nah

Wir bahnen uns einen Weg hinunter ins grüne Gras und steuern auf die Elefantenherde zu, testen immer wieder die Windrichtung  und verstecken uns schließlich hinter einem umgeknickten Leadwood. Aus sicherem Abstand beobachten wir die Herde. Es sind an die dreißig Familienmitglieder, einige von ihnen nur wenige Wochen alt. Ich spüre, wie eine leichte Brise von hinten über meinen Nacken fährt und kann fast sehen, wie sie meinen Geruch hinüber zu der Herde trägt.

Der Wind hat sich gedreht. Sie werden uns jeden Moment riechen können. 

Ein paar Sekunden später heben die älteren Damen der Herde ihre Rüssel in die Luft, einige der Jüngeren imitieren diese Geste; die ganze Herde steht plötzlich mucksmäuschenstill. Dann rücken sie näher aneinander, Kälber werden von ihren Müttern und Schwestern mit sanften Berührungen der Stoßzähne zwischen die Beine gelenkt. Eine besonders große Elefantendame tritt aus der Menge heraus und macht ein paar mutige Schritte in unsere Richtung. Irgendetwas stinkt ihr hier gewaltig.

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist sie die Matriarchin, das Oberhaupt der Herde. Sie hebt ihren Kopf, um besser sehen zu können. Elefantenaugen zeigen im Normalzustand auf die Erde. Um geradeaus schauen zu können, müssen sie also ihren Kopf anheben – eine Haltung, die durchaus bedrohlich wirken kann. Sie breitet ihre Ohren aus und schüttelt wütend den Kopf. Ich bin nicht sicher, ob sie uns sehen kann, aber es besteht kein Zweifel, dass sie weiß, dass wir hier sind.

IMG_8542(Photo Credit: Megan Berger)

Plötzlich stampft sie ein paar eilige Meter vorwärts und trompetet inbrünstig.

Ich merke, wie sich mein Oberkörper stark zurücklehnt. Genau genommen geht mir grad der Arsch auf Grundeis. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, einem riesigen, wilden Tier so nahe zu kommen, ohne zu wissen, wie man sich verhalten soll. Alles, was ich tun kann, ist zu vertrauen.

Die Matriarchin weicht jetzt einige Meter zurück; ihr Schwanz zeigt starr in die Luft. Immer wieder dreht sie sich zu uns um, während sie ihre Familie schließlich weg vom Wasserloch und in ein nahegelegenes Wäldchen führt.

Wir marschieren im Gänsemarsch weiter Richtung Norden, alle in die eigenen Gedanken vertieft. Ich gehe im Kopf die Elefanten-Begegnung noch mal durch. Auch wenn es beeindruckend und lehrreich war das Verhalten der Matriarchin zu beobachten, muss ich doch zugeben, dass ich das Gefühl hatte, wir stören da. Familie Elefant hatte eine gute Zeit im Schwimmbad und plötzlich kommen wir Menschen vorbei und spannern.

Mir ist es lieber, wenn die Tiere gar nicht bemerken, dass wir da sind.

 

Magische Sundowner

Am Abend beschließen wir, für einen Sundowner zum Mmamagwa zu fahren. Mmamagwa ist ein beachtlicher Felsvorsprung in der Savanne, der sich ohne große Schwierigkeiten erklimmen lässt. Obenauf streifen wir durch hohe Gräser, die mich an den Film „Gladiator“ erinnern, in dem Russell Crowe durch ein goldgelbes Getreidefeld in die untergehende Sonne ins Elysium wandert.

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(Photo Credit: Federico Diddi)

An der westlichen Spitze steht ein uralter Affenbrotbaum – einer der Bäume mit den dicken Stämmen und in sich selbst schon eine afrikanische Ikone. In seinen Stamm ist etwas geschnitzt. Mit ein bisschen Mühe und viel Fantasie lässt sich dort noch der Name Cecil Rhodes in der alten Rinde ertasten.

Cecil John Rhodes war ein britischer Geschäftsmann und einer der Hauptakteure im Wettlauf um Afrika – der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents im neunzehnten Jahrhundert. Gleich zwei ganze Länder wurden nach ihm benannt: Nordrhodesien und Südrhodesien – heute Sambia und Simbabwe.

Aber offenbar genügte ihm das wohl nicht als Vermächtnis und so erdachte er den bescheidenen Plan, eine Eisenbahnlinie vom Kap bis nach Kairo bauen zu wollen, um auch ganz sicher einen Platz in den Memoiren zu bekommen. Die Schienen sollten seiner Meinung nach direkt durch Mashatu verlaufen.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie Rhodes hier auf dem Mmamagwa hockte und seine Pläne schmiedete. Während die Sonne den Horizont küsst, kann ich von hier oben ganz Mashatu überblicken. Doch zum Glück stellte sich Rhodes’ Vorhaben als logistischer Albtraum heraus und scheiterte. Dieser Ort durfte wild bleiben.

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Wir sitzen in Ehrfurcht vor dem Ausblick auf die Savanne, der sich uns bietet. Keiner spricht ein Wort. Jeder trinkt sein Bier für sich allein. Hin und wieder hamstert eine Elefantenspitzmaus um unsere Füße. Die Mystik von Mmamagwa zieht mich in den Bann. Hier oben umhüllt mich ein Gefühl von Demut und Ruhe. Ich atme tief ein und aus.

Meine Sinne arbeiten auf Hochtouren.

Ich sehe am Fuße des Felsens eine Herde Gnus grasen; ich rieche noch immer den Regen; vom Lion’s Head höre ich ein Zebra wiehern; mit meinen Händen ertaste ich den Stein, auf dem ich sitze; rau und warm. Mein ganzer Körper ist hellwach.

Und ich fühle mich endlich wieder als ein aktiver Teil dieser Welt; nicht mehr wie ein Trauerkloß, der mit weißen Kopfhörern in der S-Bahn sitzt, nicht mehr wie ein freies Teilchen losgelöst von seiner Umwelt. Schon verrückt: Innerhalb weniger Tage hat Mashatu das geschafft, was Berlin in zehn Jahren nicht hinbekommen hat.

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Kein Abend ohne Lagerfeuer in Mashatu…

Mit dem Sonnenuntergang beginnen die Schakale und Hyänen ihren nächtlichen Chorus und es wird Zeit, vom Hügel hinunter und wieder auf den Geländewagen zu klettern. Während der Fahrt schaue ich noch einmal zurück.

Mmamagwa strahlt warm im schwindenden Licht der Sonne und ein Schaudern fährt durch meinen Körper. Ich weiß nicht, was es ist, aber dieser Felsen hat etwas Magisches an sich. Von seinen Wänden hallt das Echo vergangener Tage und von seinem Rücken lässt sich ein letztes Stück Wildnis erblicken – nicht nur in Afrika, sondern auch in mir selbst.

Am abendlichen Lagerfeuer sitzen wir bei Gitarrenmusik und guten Gesprächen zusammen. Ich komme nicht umhin, mir diese Szene aus der Vogelperspektive vorzustellen. Da sitzen wir, im Schein der Flammen, irgendwo in der afrikanischen Wildnis, über uns die Sterne, um uns wilde Tiere und die Nacht…

Und in diesem Moment bin ich sicher: wenn wir alle mehr Zeit singend unter den Sternen am Lagerfeuer verbringen würden, dann wäre die Welt schon mal ein ganzes Stückchen mehr in Ordnung.

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… Willst du wissen, wie es sich anfühlt, wenn Mashatu erwacht?

So…