Gedanken von einer, die raus wollte. 

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Also, als Kind hatte ich mir das anders vorgestellt, das Leben. Es war für mich ein großes Abenteuer, das Leben. Es war ein leeres Bilderbuch, das mit Farben gefüllt werden wollte, das Leben. Es war nicht das, was es heute ist, das Leben.

 

Aber was ist es heute, das Leben?

 

Grob gesagt sind es zwölf Stunden im Internet, acht Stunden im Schlaf und vier Stunden irgendwo dazwischen.

Nun will ich gewiss nicht undankbar sein. Was in meinem Fall vorliegt, nennt sich „Luxusproblem“. Doch genau deshalb muss ich das gerade rücken. Gerade deshalb will ich das Problem lösen. Denn ich halte es für eines, das nicht sein muss. Und dessen Lösung in meiner Hand liegt.

Schon seit einer ganzen Weile bastele ich darum an einem Plan. Das war mir selbst lange Zeit gar nicht bewusst, bis ich irgendwann feststellte, dass er sich schon längst in meinen Vorlieben und Gewohnheiten niedergeschlagen hatte; in meiner Wohnungseinrichtung, in meinem Kleiderschrank, in meiner Freizeitgestaltung, in den Bildern, die ich sammele und den Seiten, die ich im Internet besuche.

Mein Plan hat folgendes zum Ziel:

 

Ich will ein Leben führen, das draußen stattfindet.

 

Ich will Holz hacken und Lagerfeuer machen und Stockbrot über den Flammen rösten. Ich will mich besinnen auf einfache Freuden und naturbewusste Lebensweisen und ich will nicht länger in dieser Blase leben, in der sich Unzufriedenheit nur mit Konsum beseitigen lässt.

Ich will durch Wälder wandern und wilden Tieren begegnen und Steinchen flippen. Ich will mit der Sonne aufstehen und der Welt zuschauen, wie sie jeden Morgen aufs Neue erwacht. Ich will Kräuter pflanzen und Kartoffeln ernten und am Ende des Tages eine Suppe daraus kochen.

 

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Ich will wieder Kind sein und mich wundern über die Welt.

 

Wir leben auf einem blauen Planeten, der um einen brennenden Ball kreist und neben einem Mond, der unsere Meere bewegt… Wenn das an sich nicht schon ein Wunder ist, was dann?

Nur kriege ich nichts mit von diesem Wunder. Ich bin ein ganz natürlicher Teil davon und habe es völlig vergessen. Ich bin zu digital, zu pixelig geworden.

 

Zurück zum Ursprung.

 

Auf mich wartet ein Abenteuer. Viele haben mich gefragt -und die Frage ist berechtigt – wie ich auf die Idee komme, eine Ausbildung zum Ranger in Afrika machen zu wollen.

Der Grund ist der, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf dem Boden ankommen muss. Mein Leben verläuft zu losgelöst von der Erde, auf der ich stehe. Ich meine, ich könnte hier in Berlin monatelang allein in meiner Wohnung überleben, ohne jemals vor die Tür gehen zu müssen!

Ich bin die meiste Zeit in geschlossenen Räumen; ich weiß nicht, wo die Lebensmittel herkommen, die ich täglich zu mir nehme; und wenn ich Bäume sehe, dann nur solche, die von Menschenhand gepflanzt wurden.

Bewegung erreiche ich in Form von Fitness oder Sport, nicht weil sie notwendig für meine Tätigkeiten wäre; mit meinen Nachbarn trete ich nur dann in Kontakt, wenn sie wieder mal zu laut sind; und außer Tauben am Bahnhof und Hunden an Leinen sehe ich so gut wie nie ein lebendes Tier, geschweige denn ein wildes.

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Ich benutze meine Hände nicht.

 

Meine Beine sind faul geworden; meine Sinne abgestumpft. Ich fühle mich wie ein taubes Gliedmaß, das zwar noch an einem lebendigen Körper hängt, dort aber keinerlei Zweck erfüllt. Ich kriege von nichts genug; aber ich habe von allem zu viel.

Und ich schätze, das wäre vollkommen in Ordnung – wenn ich mich denn damit wohl fühlen würde. Aber das gelingt mir nicht. Ich scheine dafür nicht gemacht zu sein.

Nun hätte ich natürlich auch einfach ein paar Mal öfter in den Spreewald fahren können, um das Problem zu lösen. Aber ich bin eine Reisende; ich suche meine Antworten in der Ferne. Und als sich mir für 2015 die Chance bot, mich in der Wildnis Afrikas weiterzubilden, habe ich mich Hals über Kopf in die Idee verliebt.

Ich darf nun nächstes Jahr lernen von dieser wundervollen Welt; darf eintauchen in den Alltag von Menschen, die ihr Leben da draußen verbringen und ich darf davon erzählen.

 

Den Absprung finden.

 

Seitdem mein Plan steht, ist etwas Wundervolles passiert: Leute kommen auf mich zu und erzählen mir von ihrem eigenen Wunsch, auszubrechen; was Neues zu machen; das anonyme Großstadtleben hinter sich zu lassen und endlich ihre Hände wieder zu benutzen.

…Was ich dann sage?

 

Lasst uns das packen, echt.

 

Lasst uns ein paar Bienen retten und uns mit den Sternen zudecken, lasst uns Pullover stricken statt shoppen, lasst uns aufs Land ziehen und zusammen Holzhütten bauen und lasst uns wie Petterson und Findus Fleischklößchen im Gemüsebeet pflanzen. Wir sind mehr als unser Profilbild. Wir sind Menschen mit Haut und Haaren und Herzen und Händen.

 

Lasst sie uns benutzen.

 

… Und dann lasst mal am Ende des Tages einfach kein Beweisfoto über die blau-weiße Pinnwand jagen.

Es heißt, im Internet würden unsere Informationen für immer gespeichert. Doch es gehört mehr zu einer Erinnerung, als ein paar Daten und Pixel. Und der Ort, an dem ein Moment wirklich für immer gespeichert wird, ist und bleibt immer noch das Herz.